Donnerstag, 13 April 2017 13:06

Das Ende langweiliger Standardtrainings: Fünf Prinzipien, die Sie in drei Tagen zum Experten machen.

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Wodurch haben Sie im Verlauf Ihrer beruflichen Karriere am meisten gelernt? Jede Wette, dass die offizielle betriebliche Weiterbildung dabei nicht allzu gut abschneidet. Kein Wunder, hat der Digitalverband Bitcom doch in einer repräsentativen Studie herausgefunden, dass Wissensvermittlung in Unternehmen überwiegend auf Präsenz-Seminaren oder e-Learnings basiert. Aber ist das noch zeitgemäß? Ich denke: Nein.

Experte in drei Tagen

Vor einiger Zeit habe ich eine E-Gitarre gekauft. Ganz schön kompliziert. Man muss viel wissen: Es gibt verschiedene Bauformen, unterschiedliche Tonabnehmer, Tremolosysteme, Effektgeräte, Verstärker und nicht zuletzt eine Preisrange von 100 bis 10.000 Euro - ein komplexes Thema. Aber, wer irgendwann wie Eric Clapton klingen will, muss da durch. Also habe ich ein Wochenende auf den einschlägigen Seiten im Internet verbracht, mit ein paar Band-erfahrenen Freunden telefoniert und so Schritt-für-Schritt mein Wissen erweitert. Nach drei Tagen war ich Experte auf dem Gebiet der E-Gitarrenkunde.

Selbst schon einmal erlebt? Z.B. neulich, als Sie sich einen Smart TV angeschafft haben? Oder als Sie den perfekten Kinderwagen für den Nachwuchs gesucht haben? Oder bei der Reiseplanung für den Trip durch Kasachstan? Ist schon erstaunlich, wie einfach und schnell man lernen kann!

Fünf Prinzipien für erfolgreiches Lernen

Warum aber ist das in Unternehmen anders? Durch Seminare und e-Learnings lernen wir in der Regel nicht so schnell und umfänglich. Schauen wir uns doch einmal genau an, welche Prinzipien beim selbstorganisierten, effektiven Lernen eine wichtige Rolle spielen:

  1. Motivation: Je klarer Ihnen ist, was Sie mit den neu erworbenen Kenntnissen anfangen werden, desto besser werden Sie lernen. Es geht nicht darum, was Sie eventuell damit tun könnten, sondern um ein konkretes Vorhaben. „Ich werde in drei Tagen vor 500 Leuten eine Präsentation zum Thema Digitalisierung halten" hat da offensichtlich eine ganz andere Qualität als „In meinem Job sollte ich etwas über Digitalisierung wissen".

  2. Just-in-time: Ihren Lernbedarf erkennen Sie zu einem spezifischen Zeitpunkt. Zum Beispiel drei Tage vor der Präsentation zum Thema Digitalisierung. Die Verfügbarkeit des notwendigen Wissens – (Infoquelle / Anleitung / Lernmaterial / Coach / Tutor usw.) – zum Zeitpunkt Ihrer Wahl ist entscheidend. Ein Standardtraining zum Thema „Effektiv präsentieren" in der zweiten Jahreshälfte hat bestenfalls homöopathische Wirkung, wenn Sie schon morgen wieder den nächsten Kunden überzeugen wollen.

  3. Maßgeschneidert: Kennen Sie diese endlosen e-Learnings, bei denen man pausenlos denkt „Jetzt komm doch mal auf den Punkt!"? Die sind eher für Menschen, die zur Abwechslung ein Training machen („wird schon nicht schaden"), aber nichts für ungeduldige Naturen, die ein konkretes Lernbedürfnis verfolgen – siehe Punkt 1. Da Sie am besten wissen, was Sie schon wissen, sollten Sie die Möglichkeit haben, als irrelevant empfundene Inhalte auszublenden und durch relevante zu ersetzen. Auch eine Internetrecherche verläuft ja meist nach diesem Muster: Sehen, bewerten - verwerfen oder vertiefen. So bleiben Sie motiviert und sind effektiv unterwegs.

  4. Convenience: Experte für E-Gitarren wurde ich überwiegend auf meinem IKEA-Sofa und im Gespräch mit Anderen, teilweise spät in der Nacht. Fachmann für Kinderwagen werden Sie beim Nachmittagskaffee mit jungen Eltern, Spezialist für Reisen nach Kasachstan eventuell in der Buchhandlung Ihres Vertrauens oder beim Treffen der deutsch-kasachischen Gesellschaft. Jeder lernt anders: Ort, Medium, Zeitpunkt und Dauer folgen individuell unterschiedlichen Präferenzen. Diese Flexibilität sollten Sie haben.

  5. Erfolgserlebnis: Schon nach kurzer, anfänglicher Recherche stellte ich ganz andere Fragen, als noch am Tag zuvor - ich hatte erste Lernerfolge und konnte auf Augenhöhe mitdiskutieren. Das ist etwas ganz anderes als der bestandene theoretische Test nach zwei Wochen SAP-Training oder das grüne Häkchen nach drei Stunden e-Learning mit anschließender Erfolgskontrolle. Die Erfolgserlebnisse, von denen ich spreche, habe direkte Praxisrelevanz. Ein Skilehrer, der die Schulterhaltung korrigiert, verhilft unmittelbar zu einem fühlbar besseren Fahrstil. Ihre Präsentationsfähigkeit wird durch Feedback und Kniffe eines guten Coaches direkt und praktisch verbessert, nicht nur theoretisch. Effektives Lernen braucht diese Erfolge.

Die Realität in Unternehmen sieht anders aus

Überlegen Sie doch jetzt einmal, inwieweit Trainings oder Schulungen bei Ihrem Arbeitgeber diesen Prinzipien folgen. Ich fürchte, das sieht nicht gut aus. Es ist nicht verwunderlich, dass „Learning–on-the-job" für viele immer noch die vertrauteste Lern-Methode ist. Leider ist die aber auch mit viel Frustration verbunden, kostet eine Menge Zeit und steht und fällt mit der Verfügbarkeit erfahrener Ansprechpartner. Schwierigkeiten mit dem Wissenstransfer auf diese Art machen sich schnell in der Mitarbeiterfluktuation bemerkbar.

Lernwelten statt Standardtrainings

Unternehmen, die es mit betrieblicher Weiterbildung ernst meinen, schaffen keine neuen „Trainingsprogramme". Sie investieren vielmehr in Lernwelten, bei denen voneinander unabhängige On- und Offline-Module in den verschiedensten Formaten zu individuellen Lernreisen zusammengestellt werden. Module, das können kurze Videos, ein Beitrag auf TED, ein Selbsttest, eine moderierte Diskussion, eine mehrwöchige Gruppenaufgabe, das Praktikum in einem Startup, eine Coachingeinheit oder auch die moderierte Anwendung einer Innovationsmethode im laufenden Projekt sein. Und vieles mehr – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Orientieren Sie sich bei der Gestaltung einer Lernreise an den fünf Prinzipien, sind Sie auf der sicheren Seite. Hier noch ein paar Beispiele für mögliche Module.

Digitalisierung unterstützt diese Lernwelten: Webplattformen ermöglichen das Management der eigenen Lernreise und den Abruf oder die Buchung einzelner Module von jedem Smartphone aus. Angereichert mit Gamification-Elementen und sozialen Mechanismen wird Lernen zu einem spannenden Erlebnis.

Motivation durch Schaffung persönlicher Betroffenheit, Just-in-Time durch digital verfügbare, vorselektierte Lernmodule, Maßgeschneidert durch Bedarfsanalyse und Auswahlmöglichkeit, Convenience durch Multimedia und Entkopplung von Seminarraum und Arbeitszeit, Erfolgserlebnisse durch direkte, praktische Anwendung – so sehen Lernwelten aus, in denen Sie zielgerichtet, relevantes neues Wissen erwerben. Und dort finden auch Seminare und e-Learnings weiterhin ihren Platz.

 

 

Wodurch haben Sie im Verlauf Ihrer beruflichen Karriere am meisten gelernt? Jede Wette, dass die offizielle betriebliche Weiterbildung dabei nicht allzu gut abschneidet. Kein Wunder, hat der Digitalverband Bitcom doch in einer repräsentativen Studie herausgefunden, dass Wissensvermittlung in Unternehmen überwiegend auf Präsenz-Seminaren oder e-Learnings basiert. Aber ist das noch zeitgemäß? Ich denke: Nein.

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